Das Programm ist Shareware, es kann 30 Tage lang kostenlos getestet werden. Die Lizenz ist für EUR 20, für Schüler und Studenten für EUR 13 erhältlich. Das Programm auf der folgenden Leitseite erhältlich:<www.teifel-net.de/ttvok/index.html>
Den Autoren der interaktiven Einführung in die Linguistik (IEL), einem innovativen Lernprogramm auf CD-ROM, ist es gelungen, sprachwissenschaftliche Grundlagen auf interessante und anschauliche Weise zu präsentieren. Das Lernmaterial eignet sich zum Selbststudium oder unterrichtsbegleitend zu Einführungskursen in die Linguistik. Zielgruppen sind Studierende der Germanistik und anderer sprachwissenschaftlicher Fachrichtungen sowie fortgeschrittene Lerner von Deutsch als Fremdsprache (DaF). Das Programm kann problemlos auf PC und Macintosh Computern installiert werden. Systemvoraussetzungen sind Windows 95/98/NT 4.0/2000 oder MacOS ab 7.01. Die IEL besteht aus einer Startseite mit folgenden Informationsmodulen: Einführung, Phonetik / Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Sprachen der Welt und bedeutende Linguisten. Weitere Komponenten sind ein Navigator zur Orientierung im System, ein in jedem Modul integrierter Tutor zum Üben und Selbst-Testen des vermittelten Stoffes, ein Notizblock zum Schreiben, Speichern und Drucken von Notizen, ein Glossar und eine Bibliographie.
Um die Funktionsweise der CD-ROM zu veranschaulichen, möchte ich zwei Informationsmodule herausgreifen, die besonders vom interaktiven Gestaltungskonzept profitieren: "Phonetik / Phonologie" und "Sprachen der Welt." Die Kapitel zur artikulatorischen und auditiven Phonetik beinhalten u.a. animierte Grafiken und einen Videoclip zur Illustration der Arbeitsweise von Sprech- und Hörwerkzeugen sowie Tabellen und Vokaltrapeze, in denen die Symbole des Internationalen Phonetischen Alphabets dargestellt sind. Letztere können von den Studenten per Mausklick angehört und nachgesprochen werden. Innerhalb der akustischen Phonetik werden die Studierenden mit der physikalischen Struktur von Sprachlauten vertraut gemacht. So können sie z. B. die Frequenz von Schallwellen auf simulierten Musikinstrumenten manipulieren, deren Laute wahrnehmen und gleichzeitig die Schallwellenstruktur auf einem Oszilloskop beobachten. Im Kapitel "Phonologie" findet man Landkarten der Dialektregionen mit entsprechenden Hörbeispielen. Das Phonemsystem der deutschen Standardsprache wird schematisch dargestellt, wiederum einschließlich der Möglichkeit, die den Symbolen zugeordneten Laute zu hören.
"Sprachen der Welt" ist zweifellos eines der faszinierendsten und am besten gestalteten Module der IEL. Es untergliedert sich in Sprachen und Sprachfamilien, Ursprung der Sprache und Geschichte des Deutschen. Der erste Teil beschäftigt sich mit Konzepten der Sprachtypologie und Sprachklassifizierung. Auf einer Weltkarte werden die Gebiete der verbreitetsten modernen Sprachen dargestellt. Mit dem Cursor kann man die Zahl ihrer Sprecher und Hörbeispiele abrufen. Unter dem Stichwort Sprachfamilien sind weitere Karten auffindbar. Zahlreiche Tonbeispiele, auch von exotischen Sprachen, z. B. der kaukasischen Sprachfamilie, veranschaulichen die Vielfalt menschlichen Sprachvermögens. Das Kapitel "Ursprung der Sprache" vermittelt eindrucksvoll Informationen zur Menschwerdung, Sprachentstehung, Sprachvoraussetzungen und erörtert die Frage, ob es eine Ursprache gab. Auf einer Zeittafel werden in Form eines Stammbaums die entwicklungshistorischen Vorfahren des Menschen abgebildet. Per Mausklick kann man Informationen zu deren Lebensweise und Körperbau abrufen. Die Erörterung der Sprachvoraussetzungen wird wiederum durch animierte Modelle wie z. B. zum Absinken des Kehlkopfes unterstützt. Der Teil "Gibt es eine Ursprache?" behandelt die Methode des Sprachvergleichs zur Rekonstruktion von Sprachen und verfolgt Ursprung, Verbreitung und spätere Verzweigung des Indoeuropäischen in verschiedene Sprachgruppen. Ein gelungener Beitrag in diesem Kontext ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Film "Am Anfang war das Feuer" ("Quest for fire"), in dem der künstlerische Versuch unternommen wurde, eine germanische Ursprache nachzubilden. Im Teil "Geschichte des Deutschen" werden die Entwicklungsetappen beschrieben, Textbeispiele wichtiger literarischer Werke angeführt sowie prägnante morphologische und syntaktische Merkmale des Alt- und Mittelhochdeutschen aufgezeigt. Die Sektion zum Neuhochdeutschen beschränkt sich im wesentlichen auf die Darstellung von Dialektregionen mit Hörbeispielen. In einer von mir durchgeführten Veranstaltung "Einführung in die germanistische Linguistik" haben die Kursteilnehmer mit der IEL gearbeitet. Alle waren amerikanische Studenten, die Deutsch als Haupt- oder Nebenfach im dritten oder vierten Studienjahr belegten. In einer Einschätzung des Kursmaterials bezeichneten die Studenten den audiovisuellen Aspekt als größten Vorteil der CD-ROM gegenüber herkömmlichen Texten. Insbesondere die Möglichkeit, Laute, Dialektbeispiele und kurze Texte hören zu können, wurde als außerordentlich positiv empfunden. Auch die visuelle Gestaltung (mittels animierter Diagramme, Fotos, Videoclips und viel Humor) sowie die Möglichkeit, das Gelernte mit dem Tutor zu erweitern und zu testen, wurden als Stärken des Programms bezeichnet.
Als negativ wurde angegeben, dass das Einarbeiten in das System und das Auffinden spezifischer Themen relativ zeitaufwendig sei und die CD-ROM weniger praktisch als ein Buch sei. Einige Studenten bemängelten z. T. technisches Vokabular und komplexe, schwer zu verstehende Erklärungen. Die Möglichkeit, sich im Programm Notizen zu machen, wurde als überflüssig empfunden, da man diese nicht in andere Programme übertragen konnte. Zwei Studentinnen bedauerten, dass es keine Module zur Psycholinguistik und zum Spracherwerb gab. Letzteres war ein Thema im Kurs und ist wie auch die Psycho- und Soziolinguistik Bestandteil anderer Einführungen in die Linguistik (z. B. O'Grady, Dobrovolsky und Aronoff, 1997). Ein weiterer Kritikpunkt war der Preis, der in den USA bedeutend höher ist (US $69,-) als in Deutschland (DM 78,-). Obwohl die meisten Studenten der CD-ROM viel Positives bescheinigten, schlugen sie vor, ein Buch als Hauptlektüre und die CD-ROM als Unterrichtsbegleiter zum Üben und Vertiefen des vermittelten Wissens zu benutzen. Lehrbücher wie Gross (1998) und Volmert (2000) ließen sich beispielsweise gut durch die CD-ROM ergänzen.
Die IEL ist m. E. ein gelungenes, interessant gestaltetes und überaus nützliches Material für die Begleitung einführender Kurse zur Linguistik, dessen Stärken vor allem in der audiovisuellen Gestaltung, dem verwendeten Humor und dem Tutor liegen. Abschließend sei bemerkt, dass es auch eine, für Studenten der Anglistik konzipierte, englischsprachige Variante gibt (Handke und Intemann, 2000), die möglicherweise gemeinsam mit der deutschen Version von Studenten benutzt werden könnte, die ihr fremdsprachliches Verständnis überprüfen möchten oder zusätzlich über Aspekte ihrer Muttersprache lernen wollen.
Peter Ecke
University of Arizona